„Wir dürfen nicht vergessen“ – Das Leben des Zeitzeugen Christian Pfeil
Nur noch wenige Menschen können aus eigener Erfahrung vom Schrecken des Holocaust berichten. Einer von ihnen ist Christian Pfeil, ein Mann, der als Säugling die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten überlebte und heute als Zeitzeuge auftritt. Mit ruhiger Stimme, aber eindringlichen Worten erzählt er seine Geschichte, um vor Gleichgültigkeit und neuem Hass zu warnen.
Christian Pfeil wurde vermutlich (seinen genauen Geburtstag kennt er nicht, man weiß nur, dass es kalt war) im Januar 1944 im Ghetto Lublin im besetzten Polen geboren. Seine Familie gehörte der Gemeinschaft der Sinti an und war bereits 1940 aus ihrer Heimatstadt Trier von den Nationalsozialisten deportiert worden. Schon seine Geburt stand unter tödlichen Bedingungen, seine Mutter musste Zwangsarbeit leisten, nahm ihr Baby mit und legte es in eine Zigarrenkiste, um es vor der eisigen Kälte zu schützen. Dass Pfeil diese ersten Monate überlebte, grenzt an ein Wunder.
Viele seiner Verwandten wurden in Konzentrationslagern wie Auschwitz-Birkenau ermordet. Der Name seiner Familie steht stellvertretend für unzählige Sinti und Roma, die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns wurden.
Nach der Befreiung kehrte die Familie Pfeil nach Trier zurück. Der Krieg war zwar vorbei, die Ausgrenzung nicht. Auch in der jungen Bundesrepublik wurden Sinti und Roma misstrauisch angeschaut, oft benachteiligt und weiterhin diskriminiert. Christian Pfeil erinnert sich daran, dass er als Kind kaum eine Chance auf faire Bildung oder Gleichbehandlung hatte. Trotzdem kämpfte er sich ins Leben zurück, arbeitete hart und führte später eine eigene Gaststätte in Trier.
In den 1990er-Jahren jedoch erlebte er erneut Anfeindungen – diesmal von Rechtsextremen. Nachdem er in einer Fernsehsendung ein Lied gegen Rassismus und Hass gesungen hatte, erhielt er Morddrohungen. Sein Lokal wurde beschmiert, teilweise zerstört. Doch aufgeben kam für ihn nicht infrage.
„Ich wollte nicht mehr schweigen“, sagt Pfeil heute. „Wenn man überlebt hat, dann hat man die Verantwortung, zu erzählen.“
Seit vielen Jahren reist Christian Pfeil durch Deutschland, um vor allem mit jungen Menschen über seine Geschichte zu sprechen. Er ist einer der letzten Überlebenden, die noch persönlich erzählen können, was damals geschah. Seine Botschaft ist klar, Erinnerung ist kein Rückblick, sondern ein Auftrag für die Gegenwart. Sein Engagement führte ihn sogar bis nach New York. Dort sprach er am internationalen Holocaust-Gedenktag bei den Vereinten Nationen, als Vertreter der deutschen Sinti und Roma. Für ihn ist das Erinnern an den Holocaust kein Teil der Vergangenheit, sondern eine Mahnung an die Zukunft.
„Ich wünsche mir, dass ihr jungen Menschen versteht: So etwas darf nie wieder passieren. Hass beginnt nicht mit Gewalt – er beginnt mit Worten.“
Als Christian Pfeil zu uns an das Berufskolleg in Opladen kam, war die Stimmung in der Aula besonders gespannt. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als er den Raum betrat – ruhig, bescheiden, aber mit einer Ausstrahlung, die sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir wussten, dass wir an diesem Tag einen Menschen begegnen würden, der Geschichte erlebt hat.
Er begann zu erzählen – von seiner Geburt im Ghetto, von seiner Familie, die deportiert wurde, von Hunger, Angst und dem Neuanfang nach dem Krieg. Seine Worte waren ehrlich, manchmal schwer zu ertragen, aber unglaublich bewegend. Ich habe selten erlebt, dass es in unserer Schule so still war. Jeder hörte zu, niemand wollte etwas verpassen.
Besonders berührt hat mich, wie offen er über das Weiterleben sprach, darüber wie schwierig es war, nach all dem Hass wieder Vertrauen zu fassen. Trotzdem stand er vor uns als ein Mensch voller Kraft und Hoffnung.
Am Ende seines Vortrags sagte er etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Ihr seid die letzte Generation, die uns Zeitzeugen noch hören kann. Wenn wir einmal nicht mehr da sind, müsst ihr unsere Geschichten weitererzählen.“
In diesem Moment wurde mir klar, wie wichtig es ist, dass solche Begegnungen stattfinden. Wir lesen in Geschichtsbüchern über den Holocaust – aber, wenn jemand wie Christian Pfeil persönlich erzählt, dann wird Geschichte plötzlich greifbar.
Christian Pfeil steht für Mut, Aufklärung und die Kraft des Erinnerns. Sein Leben zeigt, dass selbst nach unvorstellbarem Leid Hoffnung, Würde und Menschlichkeit möglich sind. Er spricht nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über unsere Gegenwart: über Diskriminierung, Rassismus und das Wiedererstarken von Hass. Seine Botschaft richtet sich an uns alle – hinzusehen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen.
„Wir dürfen nicht vergessen“, sagte er am Ende seines Besuchs bei uns. „Denn wer vergisst, der macht es möglich, dass sich Geschichte wiederholt.“
Ich glaube, das wird lange in Erinnerung bleiben.
(geschrieben von Anna B. aus dem Diff-Kurs „Erinnerung“)







